p.b.
(Mitglied (fleißig dabei))
09.03.2009 01:00
Re: Denkanstösse

Hier eine meiner buddhistischen Lieblingsgeschichten:

Der erleuchtete Vagabund

Patrul Rinpoche wurde zum effektvollsten Meister der Dzogchen-Schule seiner Zeit. „Dzogchen“ bedeutet „Erkenntnis der immer schon existierenden, angeborenen Vollkommenheit“ und ist deshalb mehr als eine Schule oder Praxis, mehr als eine Übertragungslinie, mehr selbst als ein Zustand, den man anstrebt und irgendwann erlangt. Die Dzogchen-Erfahrung ist die Quintessenz der buddhistischen Lehre, und so galt Patrul Rinpoche nicht nur als wichtigster Lehrer, Dichter und Seher seiner Zeit, sondern auch als vollkommener Buddha. In der Tat, er galt als eine der vielen Wiedergeburten von Avalokiteshvara, den die Tibeter „Chenrezig“ nennen: Allumfassendes Mitgefühl.

Auf seinen Reisen begegnete Patrul Rinpoche einmal einer Gruppe von Lamas, die auf dem Weg zu einer festlichen Veranstaltung im Osten Tibets waren. Die Lamas hielten den zerlumpten Patrul mit seiner selbstlos bescheidenen Art für einen streunenden Sucher, und so sahen sie es gern, daß er sich ihnen anschloß, ihnen Tee kochte, das Feuerholz sammelte und die Rangältesten der Truppe bediente.
Sie befanden sich in der Region von Kham, als die Kunde zu ihnen drang, daß ein hoher Lama sich ganz in ihrer Nähe aufhielt, um den Suchern in Osttibet weiterführende Instruktionen und Ermächtigungen zu erteilen. Eilends machte die kleine Truppe sich auf den Weg und kam gerade rechtzeitig an, um an den Zeremonien teilzunehmen.
Alle Lamas und Bittsteller wurden gemäß ihrer offiziellen Rangordnung auf Thronsitze gesetzt oder nach weit hinten zum stehenden Fußvolk beordert. Die Mönche Hatten ihre prunkvollsten Ordenszeichen, Kappen und Festtagskleider angelegt. Der Großmeister thronte über der Menge auf einem Podest, und, nachdem die Hörner, Trompeten und Schellen verstummt und die Einweihungsriten vollzogen worden waren, defilierten sämtliche Anwesende der Reihe nach an ihm vorbei, um seinen Segen zu empfangen und ihm einen weißen Schal zu Füßen zu legen.
Zuerst berührte der Großmeister jeden geneigten Kopf mit eigener Hand. Dann, als er sah, daß die Reihe der Defilierenden einfach nicht kleiner werden wollte, berührte er die dargebotenen Scheitel nur noch mit einer Pfauenfeder. So vergingen Stunden, bis der allerletzte Sucher vor ihm stand: der zerlumpte Stiefelknecht einer Truppe von unbedeutenden Mönchen.
Die Augen des Großmeisters weiteten sich vor Erstaunen, als er in das Antlitz des wilden Gesellen zu seinen Füßen blickte. Vor ihm kniete niemand anderer als ein lebender Buddha, der unvergleichliche Dzogchen-Meister Patrul Rinpoche, und bat um seinen Segen!
Unverzüglich sprang der Meister herab von seinem Podest und warf sich der Länge nach auf den Boden vor dem Lumpengesell. Während die versammelten Menge Schreckenslaute von sich gab, rappelte er sich wieder auf, drückte Patrul seine Pfauenfeder in die Hand und legte sich erneut vor dem abwinkenden Vagabunden in den Staub. Patrul kicherte glucksend in sich hinein, hob den ehrwürdigen Meister wieder auf und wollte sich seine Ehrenbezeugungen partout nicht gefallen lassen.

Aus TIBETISCHE WEISHEITSGESCHICHTEN von Surya Das (Heyne Esoterik 08/9654)



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