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  Leseprobe: Die Alchemie in der Beziehung
Die Alchemie in der Beziehung

Autarkie und Symbiose verkörpern die Extremformen zweier Grundkräfte, die - in gesundem Maß gelebt - jede lebendige Beziehung steuern: das Lösen und das Binden. In jeder Beziehung gleichen diese beiden Kräfte einander aus. Ob dieses Kräftegleichgewicht entspannt ist und harmonisch zustande kommt, immer neu in heißen Kriegen erstritten wird, zu kalten Kriegen erstarrt oder sich in Apathie und Gleichgültigkeit kleidet, ist einerlei. Ausgleichen werden sich diese beiden Kräfte allemal. Dabei kann es so aussehen, als ob eine der beiden Kräfte vorübergehend verdrängt wurde und die andere die Oberhand gewonnen hat. Ganz sicher aber wurde die scheinbar unterlegene Kraft nur ins Unbewusste verdrängt und konstelliert sich dort neu, um früher oder später wieder aufzutauchen und ihrerseits die Oberhand zu gewinnen. Oftmals werden die zu diesem Kräftespiel gehörenden Rollen zwischen den Beteiligten bereits in den ersten Augenblicken des Kennenlernens verteilt, lange bevor auch nur einer ahnt, dass aus dieser Begegnung eine Beziehung hervorgehen wird. Von Anfang an fällt einem der beiden die Rolle des »Binders« zu, während der andere die des »Lösers« übernimmt. Und dabei bleibt es in aller Regel. Nur in seltenen Fällen kommt es im Verlauf der Beziehung zu einem Rollentausch. Dagegen ist es häufig zu beobachten, dass man in einer neuen Beziehung auf die andere Seite wechselt und das Gegenteil der bisherigen Rolle übernimmt.

Die Aufgabe des Binders besteht darin, für die Verbindlichkeit der Beziehung Sorge zu tragen, dafür, dass man möglichst viel zusammen ist und gemeinsam unternimmt, während der Löser die Distanz aufrecht erhalten muss, um der Eigenständigkeit der beiden genügend Raum zu sichern. Solange beide ihrer Aufgabe im rechten Maß nachkommen, ist die Beziehung gesund und entwickelt sich lebendig. Dort, wo man sich lässt und wiederfindet, um sich erneut zu lassen und erneut wiederzufinden, ist persönliches Wachstum und das Wachstum in der Beziehung möglich, da keiner der beiden in eine starre Schablone gepresst oder auf eine bestimmte Ausdrucksweise reduziert wird, sondern nach und nach mit seinem ganzen Wesen in Erscheinung treten darf. Wo man dagegen nur gebunden ist, klebt man symbiotisch so fest aneinander, dass für Weiterentwicklung kein Raum ist. Und dort, wo nur Distanz vorherrscht, wo alles nur locker und lose ist, fehlt es an der Reibung, die es zur Weiterentwicklung braucht. Deshalb erkannten schon die Alchemisten das Geheimnis jeder Höherentwicklung im steten Wechselspiel vom Lösen und Binden. Hinter ihrer altehrwürdigen Tradition verbirgt sich ein umfassendes Wissen um die wahren Gesetze der Wandlung. Wann immer eine tiefgreifende Veränderung in unserem Leben notwendig wird, wann immer wir spüren, dass wir uns wandeln müssen, oder wenn wir feststellen, dass unser Wachstum stagniert und unsere Beziehung sich nicht weiter entwickelt, ist es hilfreich, die Ratschläge dieser hermetischen Wissenschaft zu beherzigen, die C.G. Jung die »Psychologie des Mittelalters« nannte.

Das Interessante an dieser Kräftepolarität liegt darin, dass sie sich gegenseitig bedingt. In der richtigen Mischung ist sie Gewähr für die Lebendigkeit der Beziehung. Verändert aber nun einer der beiden die Spielregeln, zwingt er damit den anderen zur Gegenmaßnahme. Verlangt also der Löser plötzlich mehr Unabhängigkeit, so kann der Binder gar nicht anders, als mehr Verbindlichkeit zu fordern. Das gibt dem Löser das Gefühl, nun endgültig gefangen zu sein, weshalb er mehr Freiraum fordert, wodurch der Binder die Beziehung so sehr gefährdet sieht, dass er seinerseits mehr Verbindlichkeit fordert. Und so kann man sich gegenseitig solange hochschaukeln, bis beide nur noch »Daueralarm« geben. In solcher Extremsituation kann es dann auch zu den eher seltenen Positionswechseln kommen. Wenn beispielsweise der Binder derart frustriert ist, dass er aufgibt und die Beziehung beendet, bewirkt er damit nicht selten, dass die ganze Distanziertheit des Lösers zusammenbricht, dessen heilige Freiheiten plötzlich ganz unbedeutend sind und der bisherige Löser zum besten aller Binder wird. Diese Umpolung funktioniert allerdings niemals als taktische Maßnahme, sondern nur, wenn die dazugehörenden Schritte echt sind. Wenn der Binder nur so tut, als wolle er gehen, innerlich aber nur auf den Umschwung beim Löser hofft, bleibt alles beim alten.

Symbolisch betrachtet ist das Trennende eine männliche Qualität, wohingegen das Weibliche als die verbindende Kraft angesehen wird. Analog dazu ist männliches Denken auf Unterscheidung ausgerichtet, wohingegen das weibliche Denken stets das Gemeinsame erkennt und betont. Auch wenn in dieser Zuordnung keinerlei zwingende Rollenverteilung für die Geschlechter liegt, tendieren Männer dennoch eher dazu, das Trennende, den Unterschied, das Detail zu betonen, während Frauen ihr Augenmerk vorwiegend auf das Verbindende, das Gemeinsame und das Ganze richten. Die Jungsche Psychologie vermutet hinter dieser Tendenz die jeweilige Urerfahrung, die jeder Mensch mit der ersten Bezugsperson, der Mutter, hat. Während der Knabe von Anfang an den polaren Unterschied spürt und seine Identität auch in den weiteren Jahren im Unterschied zur Mutter entwickeln muss, erlebt das Mädchen als erstes die Gemeinsamkeit mit der Mutter und kann sich bei der Entfaltung seiner Identität sehr wohl an der Mutter ausrichten. Dementsprechend tut sich ein Junge in der Entwicklung seiner Eigennatur viel schwerer als ein Mädchen. Die »ausgleichende Gerechtigkeit« besteht allerdings darin, dass der Knabe von der Mutterbrust an gewöhnt ist, seine Lust und seine Bedürfnisse am anderen Geschlecht zu befriedigen, während darin für das heranwachsende Mädchen die herausfordernde Lernaufgabe liegt.

Ein weiterer Ausgleich liegt darin, dass auf der unbewussten Ebene das Gegenteil von dem soeben gesagten gilt. Dort reagiert der Mann weiblich und die Frau männlich und das zumeist, ohne es zu wissen. Die archetypischen Kräfte, die das bewirken heißen in der analytischen Psychologie Anima und Animus. Was darunter zu verstehen ist und welche tiefe Bedeutung darin liegt, zeigt das folgende Kapitel.

Animus und Anima - der oder die innere Geliebte

Es liegt in der Natur des Unbewussten, sich stets kompensatorisch, also ausgleichend, zu unserem Bewusstsein zu verhalten und damit einen Gegenpol zu bilden zu all dem, womit wir uns bewusst identifizieren. Deshalb ist es nicht unproblematisch, sich einseitig für alles Gute, Lichte, Edle und Wahre zu engagieren. Die große Jungianerin Marie-Louise von Franz warnt davor, einseitig idealistisch den Wunsch zu hegen, nur gut und recht zu handeln, weil wir damit unfreiwillig dem Bösen in die Hände arbeiten, und sie folgert daraus: »Gutes zu tun mag immer noch das Ziel sein, aber man wird bescheidener im Wissen, dass man durch Allzugutsein die kompensierende destruktive Seite konstelliert.«

Aus diesem Grund findet sich dort, wo viel Licht ist, bekanntlich auch immer viel Schatten. Doch so einleuchtend dieses Phänomen auch ist und so leicht wir es bei anderen erkennen können, wenn es um uns selbst geht, mag unser Ego von diesen Grundsatz am liebsten nichts hören und macht ständig Sonderregeln geltend. Wir sind eben alle Ausnahmen! Deshalb fühlen sich Menschen, die ganz und gar davon überzeugt sind, durch und durch »licht« zu sein und bestimmt keine Schattenseite zu haben, oftmals so »verkannt«, wenn sie zu ihrer Überraschung von anderen kritisiert oder sogar in ihrem Gutsein in Frage gestellt werden. Aber leider müssen eben diese anderen die Schattenseiten erleben und ertragen, die der angeblichen Lichtgestalt so gänzlich unbewusst sind. Diese Eigenart des Unbewussten erklärt so manche Widersprüchlichkeit. Warum zum Beispiel Menschen mit Gewalt für den Frieden kämpfen oder warum gerade die Moralprediger der Nation immer wieder in schmutzige Affären verwickelt sind. Das Unbewusste hat die wirklich undankbare Aufgabe, den dunklen Gegenpol zum eitel leuchtenden Ichgefühl zu bilden, und das selbstgerechte Ego immer wieder in Versuchung zu führen, damit es sich seiner unbewussten dunklen Seiten bewusst wird. Es deshalb als Teufelswerk zu verdammen, wie es oft in engstirnigen, religiösen Kreisen geschieht, zeugt nicht von tiefer Einsicht in die wichtige Bedeutung dieses Gegenpols.

Wie C.G. Jung bei der Erforschung des Unbewussten erkannte, gehören zu dessen Inhalten urtümliche Bilder, die jedem Menschen zu eigen sind, wie etwa der Held, der Drache, die Jungfrau und der alte Weise. Jung nannte diese inneren Bilder Archetypen oder Urbilder der menschlichen Seele. Unter ihnen gibt es zwei, denen nach seiner Beobachtung eine besondere Rolle zukommt. Sie sind sowohl Mittler zwischen Bewusstem und Unbewusstem eines Menschen als auch der innere, zunächst unbewusste Gegenpol zu seinem bewussten Geschlechtsverhalten. Diese Kräfte, die dafür sorgen, dass das Unbewusste des Mannes weiblich, das der Frau dagegen männlich reagiert, nannte Jung Anima und Animus, wobei die Anima die Frau im Manne ist, der Animus dagegen die innere Männlichkeit der Frau.

Ein Phänomen an dem sich das Wirken dieser Archetypen leicht erkennen lässt, ist eine aus vielen Beziehungen bekannte Konfliktsituation: Während der Mann ständig von seinem ihm heiligen Freiheitsbedürfnis, seinem Drang nach Unabhängigkeit und der Unmöglichkeit, sich wirklich fest zu binden redet, beschwört die Frau das Gemeinsame und ist bereit, ihr letztes Hemd für die Verbindlichkeit der Beziehung zu geben. Das ist zumindest die äußere Wirklichkeit auf der bewussten Ebene. Im Unbewussten dagegen konstellieren sich die Gegenpole. Die Anima, die innere Weiblichkeit des Mannes, tut ihr bestes, um dessen bewussten Unabhängigkeitsdrang entgegenzuwirken. Das Ergebnis ist beeindruckend. Anstatt seinem angeblichen Freiheitsdrang wirklich nachzugehen, fühlt sich der Mann innerlich im gleichen Maß zu seiner Frau hingezogen, wie er ihr die Ohren von seinem Bedürfnis nach Unabhängigkeit vollschwatzt; denn genauso stark wie er bewusst nach Ungebundenheit strebt, bindet ihn seine weibliche Seite, seine (unbewusste) Anima in die Beziehung ein. Da wir unbewusste Kräfte gern auf andere projizieren, wird dieser Mann natürlich seiner Frau die Schuld an seiner vermeintlichen Unfreiheit geben und ihr vorwerfen und unterstellen, dass sie ihn nicht gehen lässt, wohingegen es natürlich einzig seine Anima ist, die ihn bindet. Die Frau ihrerseits wundert sich, wieso der Mann immer wieder zu ihr kommt, wenn er ihr doch eigentlich nur sagen will, dass er bestimmt gehen wird. Doch während sie bewusst mit aller Kraft um den Fortbestand und die Verbindlichkeit der Beziehung ringt, ihn zu becircen und zu umgarnen versucht, konstelliert sich ihre innere Gegengeschlechtlichkeit immer stärker und eines schönen Tages, wie aus heiterem Himmel, zückt ihr innerer Animus das Schwert und lässt sie - auch zu ihrer eigenen Überraschung - die Beziehung zerschlagen, für die sie so lange gekämpft hat. Je unbewusster wir uns dieser inneren Kräfte sind, um so mehr sind wir ihnen ausgeliefert und um so weniger verstehen wir unser Verhalten in Augenblicken, wo wir von ihnen bestimmt werden.

Natürlich zeigt dieses Beispiel nicht die einzige Wirkungsweise von Anima und Animus. Deren eigentliches Anliegen besteht vielmehr darin, den Menschen zu führen. In der Sprache von Mythen und Märchen sind sie die Seelenführer, die uns geleiten. Anima und Animus lassen sich aber auch als die oder der innere Geliebte beschreiben. So wie sie im Unbewussten angelegt sind, so glauben wir, sollte der richtige Partner für uns sein. Wann immer uns ein Mensch begegnet, der uns verzaubert, haben Anima oder Animus ihre Hand im Spiel, da nur das Unbewusste die Kraft hat, das Bewusstsein zu verzaubern. Anders gesagt: dieser Mensch, der uns »draußen« begegnet und fasziniert, bietet eine geeignete Projektionsfläche, einen »Haken«, an dem wir unser Seelenbild, das Bild unseres inneren Partners aufhängen können. Ist das gelungen, dann sind wir - zumindest für eine Weile - davon überzeugt, der oder die Richtige sei nun endlich in unser Leben getreten. Ein leidiges Problem liegt allerdings darin, dass die Kraft der Projektion mit der Zeit nachlässt, das geliebte Bild rissig wird und die wirklichen Konturen des anderen immer deutlicher hervortreten. Da aber leider nur das innere Seelenbild vollkommen sein kann, die äußere Wirklichkeit jedoch stets unvollkommen daherkommt, liegt in dieser Ernüchterung stets auch Enttäuschung und Trauer über den Verlust des vergötterten Bildes. In ihrer Arbeit über Anima und Animus sagt Emma Jung dazu sehr treffend: »Wenn diese Unterscheidung zwischen dem Bild und seinem Träger einsetzt, so werden wir zu unserer großen Verwirrung und Enttäuschung gewahr, dass der Mann, der das Animusbild zu verkörpern schien, diesem gar nicht entspricht, sondern sich dauernd anders verhält, als er nach unserer Meinung sollte.« Welche Frau kennt das nicht? Und welcher Mann nicht auf seine Weise?

Ein weiteres Problem entsteht dann oftmals daraus, dass alle Seelenbilder polar sind, das heißt, eine lichte und eine dunkle Seite haben. Wann immer ein Engel in unser Leben tritt, haben wir natürlich die lichte Seite auf diesen Menschen übertragen. Sofern es sich dabei um eine rein unbewusste Projektion handelt, kann sie sehr schnell in ihr Gegenteil kippen. Denn wenn jemand einen geliebten Menschen grenzenlos anschwärmt, all seine Fehler übersieht und in ihm nur den Engel zu erkennen vermag, kann es im Normalfall nicht lange dauern, bis der Engel in die Hölle stürzt und zu Teufel oder Hexe wird. Dieses dunkle Bild entspricht der äußeren Wirklichkeit natürlich genauso wenig wie zuvor der Engel. Es wird aber mit der gleichen Intensität erlebt und mit der gleichen Vehemenz bekämpft, mit der das geliebte Bild zuvor begehrt wurde. Daher ist es so wichtig, sich dieser inneren Person und der Tatsache, dass wir sie projizieren, bewusst zu werden, da anderenfalls die Gefahr besteht, aus Unwissenheit Wertvolles zu zerstören.

Offensichtlich ist es die Absicht dieser Seelenführer, den Menschen in den Lebensbereich zu führen, in dem er mehr über sich erfahren kann als in jedem anderen: die Beziehung. Nur in der innigen und ständigen Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht können wir uns unserer unbewussten Gegengeschlechtlichkeit bewusst werden und Animus und Anima als die Kräfte begreifen, die uns letztlich zur Ganzheit führen wollen. Das innere Bild aber einfach nur dem anderen an die Nase zu hängen, zu glauben, endlich den oder die Richtige gefunden zu haben und zu hoffen, nun für immer Seelenfrieden zu haben, heißt, es sich etwas zu leicht zu machen und den billigsten Wunschträumen auf den Leim zu gehen. Sicherlich ist die erste Verliebtheit, die uns im Augenblick der gelungen Projektion verzaubert, ein wunderschöner, erhebender Zustand. Aber nach allem, was Psychologie und Lebenserfahrung dazu herausgefunden haben, sagt der Grad der Verliebtheit nur etwas über den Grad der Enttäuschung aus, die ihr früher oder später folgen muss, interessanterweise jedoch absolut nichts über die Tiefe und Beständigkeit der Beziehung, die aus ihr hervorgehen kann. Selbst aus dem rosigsten siebten Himmel kann ein Absturz erfolgen, der die ganze Beziehung mit in den Abgrund reißt, während andererseits auch ohne anfängliche Verliebtheit eine tiefe Beziehung zwischen zwei Menschen erwachsen kann.

Die Verliebtheit, die unsere inneren Partner stimulieren können, ist offenbar so etwas wie ein Zaubertrank, der unser Bewusstsein beflügelt, uns Grenzen überschreiten lässt und uns mit einem anderen Menschen zusammenbringt. Aber diese liebestrunkene Übersteigerung der Wirklichkeit ist genauso wenig als Ziel an sich oder als Dauerzustand gemeint wie irgendein anderer Rausch. Die eigentliche Beziehung beginnt erst nach der Ausnüchterung, wenn wir unser Gegenüber nicht länger als Traumfrau oder Märchenprinz anhimmeln, sondern in ihm mehr und mehr den Menschen erkennen, der er wirklich ist. Im verliebten Zustand ewige Treue zu schwören ist leicht und genauso billig, wie die oft zu hörenden Beteuerungen chronischer Singles oder alternder Casanovas, dass sie sich nichts mehr ersehnen, als sich sofort auf ewig zu binden, wenn nur endlich der oder die Richtige käme.

Den oder die Richtige gibt es ganz bestimmt. Aber gewiss nicht so, wie wir uns diesen Menschen in jungen Jahren sehnsuchtsvoll erträumen. Es gibt ihn nicht »fertig«. Er kann nur zum Richtigen werden, indem wir uns für ihn entscheiden. Das soll nun nicht heißen, es sei beliebig, mit wem wir uns verbinden. Sicherlich gibt es Menschen, die eher füreinander bestimmt sind und besser zueinander passen als andere. Solange wir uns aber nur unter dem Vorbehalt aufeinander einlassen, dass uns der andere nicht enttäuscht oder bereits erkannte »Mängel« schleunigst behebt, haben wir uns nicht wirklich eingelassen. Auch wenn wir - vor allem in der Verliebtheitsphase - noch so sehr von unserer Liebe überzeugt sind, gilt stets: eine Liebe unter Vorbehalt meint nie den anderen, sondern immer nur unser inneres Seelenbild, für das der andere ein möglicher Kandidat ist. Nichts ist einfacher, als die Vorstellung zu lieben, die wir uns von einem Menschen machen, da sie unserem inneren Partnerbild entspricht. Dabei lieben wir aber eben nur unsere Vorstellung, die wir uns vom anderen machen, sozusagen unser inneres Bild, das wir vor ihn stellen. Natürlich merken wir zunächst nicht, was wir da tun. Eine Projektion wird immer so lange als die reine Wirklichkeit erlebt, bis uns - wenn überhaupt - langsam dämmert, dass wir einmal mehr unserer Vorstellung aufgesessen sind.

Und Störungen, die uns das bewusst machen wollen, kommen früher oder später ganz unvermeidlich. Ob wir deren Ursache erkennen und diesen Zusammenhang begreifen, bleibt allerdings offen. Aber vermeiden ließen sich diese Störungen nicht einmal in den »guten« alten Ehen, die inzwischen recht selten geworden sind und die immer wieder als Beweis dafür herhalten müssen, dass es heutzutage mit Sitte, Moral und Verbindlichkeit endgültig bergab geht. Selbst wenn das der Fall sein sollte, so ist die patriarchale Ehe, die zumindest seitens der Frau unberührt begann und unbescholten blieb, bis dass der Tod sie schied, nicht gerade geeignet, als rühmliches Vorbild zu dienen. Wo sie wirklich »funktionierte«, gelang das vor allem deshalb, weil der Mann, dank seiner Machtmittel, die Frau manipulieren und dazu zwingen konnte, seine Anima zu verkörpern. Wann immer eine Frau das tut, darf sie sicher sein, von ihrem Mann auf Händen getragen zu werden. Und das erscheint natürlich verlockend zumal für eine Frau, die finanziell und gesellschaftlich von ihrem Mann abhängig ist. In den meisten Fällen wird sie sich gar nicht bewusst sein, dass sie »gekauft« ist, dass sie verwöhnt wird und seine Zuneigung und Großzügigkeit in dem Maß erfährt, wie sie sein liebes Mädchen, sein Liebchen oder, seit den fünfziger Jahren, sein Baby ist. Der Preis dafür ist hoch. Es ist der Preis der Selbstverleugnung. Denn wann immer eine Frau versucht, die Anima, das Suchbild ihres Mannes zu verkörpern, kann sie das natürlich nur zu Lasten der Entfaltung ihres wahren Wesens tun. Statt die eigene Persönlichkeit zu entfalten, ist sie nur eine Summe von Fremderwartung. Dort, wo ihr das nicht bewusst wird, oder sie trotz besserer Einsicht nicht aus dem Korsett fremdbestimmter Identität ausbricht, macht sich dieser Selbstverrat früher oder später durch seelische Störungen oder körperliche Leiden bemerkbar. Hysterie und Migräne sind zwei dafür typische Ausdrucksformen, weshalb es nicht Wunder nimmt, dass diese Leiden in der Spätblüte der patriarchalen Ehe zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch als reine Frauenkrankheiten abgetan wurden.

Natürlich erliegen nicht nur Männer der Versuchung, ihre Frau mit geschickter Manipulation und mehr oder weniger sanfter Gewalt in die Schablone ihrer Anima zu zwängen. Genügend Frauen versuchen ihrerseits ihren Mann zu verführen und ihn mit List und Tücke dahin zu bringen, ihr inneres Idealbild, ihren Animus zu verkörpern. In all diesen Fällen gilt die Liebe stets nur dem inneren Bild, während der angeblich geliebte Partner nun ein Kandidat ist, dem eine Frist gewährt wurde, innerhalb derer er sich als fähig erweisen muss, das Gewand und die Rolle unserer Anima oder unseres Animus würdig auszufüllen. Unser Gegenüber aber als den Menschen zu nehmen und zu lieben, der er wirklich ist und ihn obendrein in der weiteren Entfaltung seiner Eigenart großherzig zu fördern und zu unterstützen, ist natürlich etwas ganz anderes. Das aber setzt voraus, dass wir uns für den anderen wirklich interessieren, ihn mit freundlicher Aufmerksamkeit beobachten und ihn in seinen Eigenheiten studieren. So selbstverständlich sich das anhören mag, so wenig sind wir dazu bereit, sobald unser Bild vom anderen zu zerbrechen droht. Aber nur dort, wo ein Mensch den anderen erkennt und liebt als das lebendige Original, das er ist, statt ihn in das Klischee seines Wunschbilds zu pressen, kann man wirklich von Liebe sprechen. Alles andere verdient den Namen nicht, weil es egoistischen Motiven entspringt wie etwa dem Wunsch, sich mit seinem Partner zu schmücken, nie mehr allein zu sein oder materiell und erotisch versorgt zu werden.

Um dahin zu gelangen ist es nicht nur wichtig, sich seines oder seiner inneren Geliebten bewusst zu werden, sondern sich auch intensiv mit diesem inneren Bild auseinander zusetzen. Denn die Ursache vieler Probleme in einer Beziehung ist nicht - wie man gern glaubt - der oder die andere, sondern eine dieser inneren Figuren. C.G. Jung macht das sehr deutlich, wenn er sagt: »Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass die persönliche Auseinandersetzung mit dem Partner die Hauptrolle spiele. Letztere fällt im Gegenteil der inneren Auseinandersetzung des Mannes mit der Anima, der Frau mit dem Animus zu.« Die Reibung mit dem Partner ist allerdings insofern unentbehrlich, als dass Anima und Animus uns nur in der Beziehung zum Gegengeschlecht bewusst werden können, weil unsere Projektionen nur dort wirksam werden.

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