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Aleister Crowley - Wesen und Werk

Wenn ein Mann einen Mutter­kom­plex hat, identi­fiziert er sich direkt mit dem göttlichen Kind. Er hält sich für einen geflü­gelten Gott, alle unbedingt notwendi­gen Lebens­auf­gaben verweigernd, wie: einen eigenen festen Standpunkt in der Realität einzunehmen, sein Geld selbst zu verdie­nen, regelmä­ßig zu arbei­ten und ähnliche Mühsa­le.

Marie-Louise von Franz

 

 

Aleister Crowley - Sein Wesen

 

Wie viele andere bekannte Figuren aus der Welt der Magie und des Okkul­ten hat es auch Crowley verstanden, die Meinungen über sich derart zu polarisieren, dass man sich oft kaum vorstellen kann, dass vom gleichen Menschen gesprochen wird. Die einen sehen in ihm nicht nur den größten Magier dieses Jahr­hunderts son­dern den Verkün­der der Religion Thelema, der Religion des neuen Zeit­al­ters. Für die anderen steht un­strit­tig fest, dass er einer der schwärze­sten Schwarzmagier aller Zeiten war. Crowley selbst sah sich eher wie die ersteren, schloss aber auch die andere Möglich­keit nicht aus. In Tunis schrieb er in sein Tagebuch: »Ich mag vielleicht ein Schwarz­magier sein, aber dann bin ich ein verdammt großer.«

 

Ohne den Anspruch auf auch nur annähernde Vollständigkeit seien hier einige Merk­male genannt, die alle für das »enfant terrible« der okkulten Szene dieses Jahrhunderts bezeichnend sind:

 

Er war

 

ein begabter Poet, dessen Gedichte in bekannten Anthologien enthal­ten

    s­ind,

ein berühmter Himalaya-Bergsteiger,

ein Schachmeister, der als Blind- und Simultanschachspie­ler ge­fürch­tet

    war,

ein frühreifer Lebemann, der sich schon mit 13 den 3 »Evil Kings« (üblen

    Königen) verschrieben hatte: »Smo-King, Drin-King and Fuc-King«,

ein imposanter Maler,

ein Pornograph, der sich spitzbübisch freute, eine ver­steckte Sauerei in

    einen Ge­dicht­band mit Marien­hymnen einge­bracht zu haben,

ein Yogameister,

ein glühender Nietzsche-Verehrer,

ein kompromissloser Christenhasser,

ein Größenwahnsinniger, dem die Pose immer wichtiger war als der Inhalt,

ein beißender Zyniker,

ein Lieblingskind der Skandalpresse,

ein Bankrotteur,

ein skrupelloser Frauenschänder, der sich den »hef­tigsten aller Femini­sten« nannte,

ein Heroinsüchtiger, der sich mit strengster Selbstdiszi­plin für 15

    Jahre der Droge ent­wöhnte,

ein streckenweise erfolgreicher Schriftsteller,

die Hauptfigur Oliver Haddo in Somerset Maughams Roman »The Magici­an«,

ein profunder Kenner esoterischer Traditionen,

ein unwiderstehlicher Charmeur,

ein bisexueller Sadomasochist,

ein großer Menschenkenner,

ein grenzenloser Egozentriker,

die Reinkarnation von Lao Tse, Cagliostro und Eliphas Levi (nach eigenem

    Bekunden),

ein gnadenloser Provokateur und scharfzüngiger Spötter,

ein scharfdenkender Rationalist, der die Kirchen und die Mysti­ker als

    Fantasten angriff,

ein großer Mystiker, der die Ratio­nali­sten ob ihrer Fantasielo­sigkeit

    be­schimpfte,

ein überlegener Ironiker,

ein Magier, der Winston Churchill die Fingergeste »V« (für Victory) als

    Gegenzauber zum magischen Hakenkreuz der Deut­schen empfahl,

ein höchst geistreicher und gebildeter Mann,

einer, der nur eins wollte: Alles!

 

Und damit die bestgehasste Verkörperung der Schattenseite des das Under­statement liebenden englischen Gentleman. Er selbst identifizierte sich sein Leben lang mit dem Ungeheu­er 666 aus der Apokalypse, nannte sich einen verteufelt heili­gen Guru und fand, dass seine Geburt die Wiedergut­ma­chung für die Ent­deckung Amerikas sei.

 

Er wurde als Edward Alexander Crowley am 12.10.1875 in der englischen Grafschaft Warwick­shire geboren, der Grafschaft die - so Crowley - die beiden berühmtesten englischen Dichter hervor­brachte: »Denn man darf ja Shakespeare nicht vergessen!«

 

Von den vielen Faktoren aus seiner Kindheit, die uns die schillernde Persönlichkeit des späteren Aleister Crowley verstehen lassen, seien die folgenden drei erwähnt, die die wichtig­sten Schlüssel zu seinem schil­lern­den Charakter zu sein scheinen:

 

1.       Der kleine Aleister wurde in eine Familie geboren, die der Quäker­sek­te der »Plymouth Brüder« angehörte, einer Erweckungsbewegung, die - so heißt es - in engstirnigster Weise die Bibel wörtlich auslegten und z.B. das wiederholte Auf­sagen des Vater­unsers oder das Weih­nachtsfest als heidni­schen Brauch auslegte.

 

2.       Seine hochproblematische Mutterbeziehung, die durch den frühen Tod seines Vaters (1887) noch ver­schlimmert wird. Sie verkörpert das geschlechtslose Wesen des vikto­riani­schen Zeitalters, »the fat German hausfrau«, wie einer seiner Biografen bissig bemerkte, und lehrt ihr Kind, dass Frauen keine Beine haben. Für Aleister Crowley ist sie die Ausgeburt menschli­cher Dumm­heit.

 

3.       Als Zwölfjähriger wird er in ein Internat der erwähnten Sekten­brüder eingeschult. Nachdem ihn ein Mitschüler dort  denunziert, wird er zur Strafe zunächst weitgehend iso­liert. Diese Strafe wird aber bald in Einzel­haft ver­schärft, die erst mit seinem Nervenzu­sammen­bruch nach eineinhalb Seme­stern endet!

 

Vor diesem Hintergrund fällt es leicht, seinen Hass auf das Christentum zu verstehen, seine starke aber zutiefst enttäu­schende Mutterbindung und seinen so ausgeprägten Freiheits­drang. Schon in seiner Kindheit hat seine Mutter den immer wieder über die Stränge schlagenden Aleister mit dem Ungeheuer 666 aus der Apokalypse verglichen. Diese »Auszeichnung« nimmt er gerne auf und nennt sich später als Magus stolz »To Mega Therion« (Das große Tier).

 

Ein großer Vorwurf, vielleicht der größte, den man Crowley machen kann, liegt in der Feststellung, dass es so gut wie niemandem gut getan hat, seine Bekanntschaft zu machen. Fast jeder, der sich von seiner stark faszinieren­den Persön­lich­keit anziehen ließ, musste für diese Erfahrung bitter bezah­len. So schwer­wiegend dieser Vorwurf auch ist, berechtigt er dennoch nicht dazu, Crowley einen Schwarzmagier zu nennen, denn das würde Absicht voraussetzen. Es ist aber nicht belegt, dass Crowley die Absicht gehabt hätte, andere wissent­lich zu schä­digen. Die Erklärung scheint vielmehr in einer Mischung aus ungehemmtem Egoismus, unkon­trollierter Ichaufblä­hung und grenzenloser Verantwortungs­losig­keit zu liegen. Das aber sind typische Charaktermerkmale der Persönlichkeits­struktur, die aus der Jung'schen Psychologie als der »ewige Jüngling« oder »puer aeternus« bekannt ist. »Der kalte, brutale, primi­ti­ve Mann«, sagt Marie-Louise von Franz, »ist im allgemeinen ein kompensierender typischer, sogar archetypi­scher Schatten des Muttersohnes«. Die früh­kind­liche Erfahrung, die zu dieser Prägung führen kann, ist eine überaus starke Mutterthematik, die den Knaben so tief besetzt und verletzt hat, dass er sich als Heranwachsender frühest­möglich der Umklam­merung zu entrei­ßen versucht und fortan jede wirklich nahe Verbin­dung mit dem Weiblichen meidet. Da die dem Jüngling inne­wohnende »Große Mutter« sich aber nicht so leicht beiseiteschieben lässt, holt sie ihn in zumin­dest zunächst unerkannter Gestalt von zwei Seiten wieder ein: Zum einen gaukelt sie ihm die Bilder von vielen Frauen vor, die ihn verlocken, und flüstert ihm ein: »Du kannst sie alle haben!« Auf diese Art stellt sie sicher, dass er zwar jede, aber damit eigentlich keine hat und weiter­hin nur ihr gehört. Zum anderen lockt sie ihn in ihr eigentliches Reich, in die Welt der Magie. Und dort wird er ihr dienen. Von beiden Seiten lässt sich der ewige Jüngling immer wieder gern ver­führen und bleibt so stets Sohn der großen Mutter, der es nie lernt, erwachsen zu werden, Verant­wortung zu übernehmen und sich seiner Rolle als Mann bewusst zu werden.

 

Die oben geschilderten Härten, die uns aus der Kindheit des klei­nen Aleister überliefert werden, dürften viel von dem erklären, was den späte­ren Crowley kennzeichnete.

 

Es gibt einen Roman aus römischer Zeit, der die Geschichte Aleister Crowleys so erzählt, als wäre der größte Magier des 20. Jahrhunderts eine Reinkarnation der Hauptfigur des Lucius in »Der goldene Esel« von Apulejus. Es ist die Geschichte von einem der auszog, die Magie zu erlernen, und dabei - ehe er sich versieht - zum Tier wird. Die Ge­schich­te, in die immer wieder obszöne Einzeler­zählungen eingeschobenen sind, darunter auch das berühmte Märchen von Amor und Psyche, erzählt sehr kurzgefasst folgendes:

 

Lucius, ein gebildeter Mann aus Rom, entdeckt sein Interesse an der Magie. Er beschließt daher nach Thessalien zu gehen, einer Landschaft in Griechenland, in der noch große Zauberin­nen leben. Wie später auch Faust geht er dahin, wohin ihn die Projektion seines Mutterkomplexes führt. Dort wird er - schneller als erwartet - »einge­weiht«, indem er verse­hent­lich in einen Esel verwandelt wird. Eigentlich wäre es ganz leicht, wieder in die menschliche Gestalt zu­rückzukehren. Er müsste nur eine Rose fressen. Aber die zu bekommen, erweist sich unerwarteterweise als unmög­lich. So wird sein Einweihungsweg eine sehr harte Prüfung, bis er am Ende durch die Gnade der Isis erlöst wird.

 

Marie-Louise von Franz hat am Beispiel dieser Geschichte die Problematik des »Ewigen Jünglings« verdeutlicht[1]. Darin schil­dert sie, wie ein Mann mit ausgeprägtem Mutterkomplex all die Eigenschaften entwickelt, die für Crowley typisch sind. Die größten Schwächen des ewigen Jünglings - so sagt sie - seien seine Faulheit und seine Unfähigkeit, konsequent zu arbeiten und bei einer Sache zu bleiben, auch wenn er nicht von ihr durch und durch begeistert ist. Der Crowley-Biograph Colin Wilson schreibt:

 

»Seine allergrößte Schwäche war seine Faulheit. Er weigerte sich schlecht­weg, irgendetwas zu tun, das er nicht mochte, gleichgültig wie sehr andere darunter zu leiden hat­ten. Crow­leys Tragödie bestand darin, dass er sich niemals lange genug auf etwas konzentrierte, um es wirklich voll zu entwickeln.

 

Lucius und Crowley gingen in das Reich der Magie und wurden beide zum Tier. Bei Lucius führte dieser Weg letztlich zur Einweihung und zur Erlösung durch die große Muttergöttin Isis. Ob Crowley in seinen späten Tagen ähnliches zuteil wurde, ist nicht bekannt. Vielleicht hat Lady Frieda Harris, die Künstle­rin, die die Tarotkarten für ihn malte, diese Rolle für ihn gehabt. Doch alle Biographen, die sich gerne über die Vielzahl der leiden­schaftlichen und skandalösen Affären des Meisters auslassen, äußern sich nur spärlich oder schweigen ganz über diese bemer­kenswerte Frau, die das Werk mitschuf, das Crowley später bekannter machen sollte, als alle seine Gedichte und Bücher zusammen. Sie war es, die in seinen späten Lebensjahren bei ihm war, und einer Überlieferung zufolge ist er unter ihrer Obhut gestorben (1947). Sie scheint einer der wenigen Menschen gewe­sen zu sein, dem die Bekanntschaft mit Aleister Crowley nicht gescha­det hat.

 

Wie die Tarotkarten anschaulich zeigen, liegt das rechte Maß - die »Kunst«, wie Crowley die Karte XIV treffend umbenannte -  zwischen Abstinenz (Tod = XIII) und Besessenheit (Teufel = XV). Dementsprechend bedeutet der richtige Mittelweg, sich auf die Vielfalt der Welt einzu­las­sen, ohne jedoch dabei seine Seele zu verkaufen, wobei es gleicherma­ßen bedenklich ist, die Seele an das vermeintlich Gute wie an das erwiesener­maßen Böse zu verlieren. Diese Lehre hat Crowley offenbar nicht aus den Karten gezogen. Er hat sich der Magie nicht nur voll und ganz verschrie­ben, es scheint sogar, dass ihm gerade die Er­kenntnis zum Verhängnis wurde, die einen Wendepunkt in seinem Leben darstellte, und durch die er in die Geheimnisse des 9. Grades des magi­schen Ordens OTO - Ordo Templis Orientis eindrang: Indem ihm klar wurde, dass deren Symbolik sexueller Natur war. »Die Ent­deckung der Sexualmagie war zweifelsfrei der größte Wende­punkt in Crowleys Leben«, schrieb dazu sein Biograph Colin Wilson. Nun ist jedes Symbol schon seiner Natur nach bedeutend mehr, als das Bewusstsein je erfassen kann. Gefährlich aber wird es, ein Symbol in der dem Intellekt so gefälligen »nichts als...« Manier zu deuten. Zweifellos haben Stab und Kelch auch sexu­ellen Charakter, aber zu sagen, sie seien nichts anderes als Phallus und Scheide, ist eine intellektuelle Überheblich­keit, die ihren Preis fordert. Die Alchemisten lehrten seit der Antike, dass Gold, Silber und die anderen klassischen Elemente aus der richtigen Mischung von Schwefel und Quecksil­ber ent­stehen. Wer das jedoch wörtlich nahm und nichts als Schwefel und Queck­silber miteinander vermengte, der erhielt nur Zinnober! Crowley scheint in die gleiche Falle ge­tappt zu sein wie einige tausend Jahre vor ihm Oedipus. Auch der hatte ge­glaubt, das Rätsel der Sphinx intellektuell lösen zu können, indem er es als nichts als ein Kinderrätsel aufdeckte. Dabei hatte auch er einen Teil für das Ganze genom­men und nur das Rätsel gelöst, das ihm die Sphinx stellte, nicht jedoch das Rätsel, das sie (als das ewig rätselhafte urweibliche Mysteri­um) selbst dar­stellte. Und noch während er sich auf die Schul­ter klopfte und den Beifall der scheinbar befreiten Thebaner einstrich, heira­tete er seine Mutter!

 

Aleister Crowley - Sein Werk

 

Der Priester des Re-Harachte (gemeint ist Aleister Crowley) war als Mensch missraten, wie er selbst in aufrich­tigen Momenten zuzugeben bereit war. Aber er hielt das für unwich­tig im Vergleich zu der Religion von Thelema, der Philosophie vom freien Willen des Menschen, die die Menschheit zu einer höheren Entwicklung führen könnte. Wenn wir Crowley einmal beiseite lassen und uns auf seine Philo­sophie konzentrie­ren, scheint es sehr wahrscheinlich, dass er recht hatte.

          Colin Wilson

 

Ist nun das Werk eines solchen Menschen derart von seiner schwarzen Seele kontaminiert, dass man sich damit nicht befas­sen darf, ohne Schaden zu nehmen, oder ist es zulässig, zwi­schen Wesen und Werk zu trennen, wie es Colin Wilson vor­schlägt?

 

Diese Frage erscheint vielen dreist und ungeheuerlich ange­sichts der Verruchtheit Crowleys. So als würde seinem Werk ein Virus anhaften, der jeden unheilbar infiziert, der damit in Berührung kommt.

 

Bei der Frage, ob man Wesen und Werk in der Beurteilung soweit voneinan­der trennen darf, dass man auch das Werk einer durchaus zweifelhaften Persön­lichkeit als wertvoll, lehrreich und in diesem Fall zumindest als »unschäd­lich« bezeichnen darf, ist es sicher zulässig, einige andere Persönlich­keiten in Erinnerung zu rufen, deren Wesen auch in auffallen­der Diskrepanz zu ihren Werken stand: Schopenhauer, Nietzsche und Mozart. Natürlich handelt es sich bei allen dreien um völlig andere Charaktere als Crowley. Nur der Abstand zwischen Wesen und Werk ist bezeichnend. Schopenhauer, der bis dahin größte Philosoph, nannte sich gerne in einer Reihe mit Buddha und Meister Ecke­hart, von denen er sagte, dass sie das vorbereitet und vorge­dacht hätten, was er zu Vollkom­menheit gebracht habe. Mensch­lich war er ein jämmerli­c­h verbitterter Exzentriker mit einer geradezu peinlichen Gel­tungssucht. Nietzsche, der den Übermen­schen verkündete und dessen Werk von unbestreitbarer Größe ist, stand sein Leben lang unter der Knute seiner Mutter, und als sie starb, übernahm seine Schwe­ster diese Rolle so gut, dass sie sich sogar erdreistete seinen Nachlas zu »korrigieren« und die »unanständigen« Stellen herauszustrei­chen, bevor die Werke veröffentlicht wurden. Und Mozarts unflätiges Verhalten ist uns nicht nur von zahlreichen Zeitge­nossen überliefert sondern in fast jedem seiner Briefe nachzulesen, in denen er gerade­zu leidenschaftlich in Fäkal­sprache die Details seines Stuhlgangs schildert. Es gäbe noch weitere zu nennen, wie beispielsweise Karl May, der als kleiner Dieb und Hochstapler im Gefängnis saß und sich dort die edel­mütig­en Heldentaten eines Winne­tou oder Old Shatter­hand aus­dachte oder Johann Pestalozzi, der Inbe­griff eines Pädagogen, der aber bei der Erziehung der eigenen Kinder keine besonders glückliche Hand hatte. Ganz zu schweigen von dessen großem Vorbild Jean-Jacques Rousseau, der mit Emile den berühmtesten Erziehungsroman der Welt schrieb, seine eigenen Kinder aber im Findelheim verkommen ließ.

 

Woraus besteht Crowleys Werk? Er hat eine Fülle von Gedichten hinterlas­sen, er hat - teilweise aus Geldnot im Schnellverfah­ren - Romane ge­schrie­ben, er hat eine Vielzahl magischer Regel- und Nachschlagewerke verfasst sowie mehrere Übersetzun­gen (I Ging, Tao Te King). Was ihn aber heute weit über die Grenzen der magischen Zirkel hinaus bekannt sein lässt, ist sein Spät­werk, das Buch Thoth, das zusammen mit den von Lady Frieda Harris gemalten Tarotkarten im Jahre 1944 erschien. Das ihm selbst wich­tigste Werk scheint »Das Buch des Gesetzes« zu sein, das ihm 1904 in Kairo von Aiwass, einem außerirdischen Wesen, diktiert wurde, und mit dessen Offenbarung, Crow­ley zufolge, ein neues  Zeitalter beginnt, dessen Grundlage dieses Gesetz bildet. Sehr merkwürdig an der Ge­schichte ist aller­dings, dass er diesen für ihn so bedeutsamen Text nicht etwa so­gleich den Menschen des neuen Zeitalters übergibt, sondern ihn zu­nächst einmal liegen lässt, dann noch verliert, ihn fünf Jahre später zufällig auf dem Dach­boden wiederfindet und ihn dann endlich veröffent­licht. Die Kernaussage dieser Offen­barung lautet: »Tu was du willst, sei das ganze Gesetz!«. Das ist nicht so neu und revolu­tionär, wie gerne behaup­tet wird. 1500 Jahre zuvor stellte der angesehene Kirchenvater Augustinus die Maxime auf: »Liebe und tue was du willst.« (Dilige et quod vis fac). Und im Jahr 1548 schildert der französische Dichter und Philosoph Fran­çois Rabelais im vierten Band seines Romanzy­klus über Gargantua die Gründung der utopischen Abtei Thélème, in der als oberste Devise gilt: »Tu was du willst!« (Fay ce que vouldras). Fast 400 Jahre später gründet Aleister Crowley in Cefalu auf Sizi­lien eine Abtei Thelema über deren Eingang geschrieben steht: »Tu was du willst sei das ganze Gesetz.« Dass diese Grundmaxime nicht als ein »Tu was dir gefällt und wozu du Lust hast« missverstanden werden darf, sondern die durchaus schwie­ri­ge, zutiefst ethische Forderung enthält, stets in Überein­stimmung mit seinem wahren Willen zu leben, ist oft betont worden, und wird nicht zuletzt in Michael Endes »Unend­licher Geschichte« deut­lich, wo eben diese Devise die Inschrift des magi­schen Amu­letts Auryn bildet. Inwie­weit Crowley selbst dieser (ihm natürlich bekann­ten) tiefgreifenden ethischen Forderung seines Gesetzes ge­recht wurde, ist schwer zu sagen. Ganz strikt hat er es sicherlich nur in einer fragwür­digen Variante gelebt, etwa nach dem Motto: »Tu auf keinen Fall etwas, wozu du keine Lust hast.« Sicher scheint auch, dass er es gerne liberti­nistisch als ein »Tu was Dir Spaß macht« auslebte.

 

Es scheint, dass es bei der Bewertung seines Werkes - wie auch bei allen anderen Dingen in dieser Welt - nicht so sehr die Frage ist, ob die Sache an sich gut oder böse ist, sondern dass allein die Art des Umgangs damit entscheidend ist. Im tradi­tionellen Tarot heißen die beiden aufein­ander fol­genden Trumpf­karten XIV und XV Mäßig­keit und Teufel. Sie zeigen, dass das rechte Maß und das Unmaß (Teufel) dicht beieinander liegen. Die Kunst - so nannte Crowley die Karte Mäßigkeit - liegt eben allein im richtigen Maß. Durch Unmaß wird selbst das moralisch Beste verwerflich.

 

Im San Francisco Examiner schrieb der für sein weises Urteil bekannte Schriftsteller Alan Watts am 28.Feb.1970 über Crow­ley: »Ich, für meinen Teil, enthalte mich eines Ur­teils. Es ist möglich, dass ein Mensch ein Hochstapler, sogar ein einma­liger Fall eines magischen Schwindlers ist. Es ist aber auch möglich, dass ein Mensch von hohem Mitgefühl und großer Weis­heit so tut, als wäre er ein Hochstapler, um nicht zu einem Idol oder zum Gründer einer förmlichen Religion zu werden. Große und mächtige Figuren im religiösen Sinne werden aus­nahmslos von den einen als Götter und von anderen als Teufel betrach­tet.«


Lady Frieda Harris

 

 

Während die meisten Biographen Crowleys sich gerne und detail­liert mit den vielen Liebesaffären in seinem Leben befassen, wird es sehr spär­lich, sobald es um die Frau geht, die das Werk schuf, das Crowley heute bekannter macht als alle seine Bücher zusam­mengenommen: Die Künstlerin Lady Frieda Harris.

 

Sie wurde 1877 als Tochter eines Chirurgen geboren und hieß Margue­rit Frieda Bloxam. Im Jahr 1901 heiratete sie den späteren Sir Percey Alfred Harris, einen sehr beliebten libe­ralen Politi­ker, mit dessen Adelung zum Sir auch sie das Adelsprädikat Lady tragen durfte.

 

Von ihrer Jugend an war sie als Künstlerin tätig, und es scheint, dass ihr spirituelles Suchen und ihr Interesse an mystisch-magischen Erfah­rungen ebenso früh begann. Als sie 1937 Crowley begegnete, war sie - wie so viele andere Frauen zuvor - von seiner Ausstrahlung fasziniert. Im Unterschied zu diesen vielen anderen aber, die Crowley ruiniert und seelisch zerstört hat liegen lassen, scheint Lady Frieda seinem steten Werben und seinem unbestrittenermaßen großem Charme nachhaltig wider­stan­den zu haben. In einigen ihrer Briefe an ihn weist sie seine Avancen entrüstet zurück und erklärt, dass sie glück­lich verheiratet sei. Ihr Mann, mit dem sie inzwischen zwei Söhne hatte, hat Aleister Crowley aber anscheinend von Anfang an nicht gemocht.

 

Zwei Jahre nach ihrer Begegnung begannen die beiden mit dem Werk, das eigentlich nur drei Monate dauern sollte, dann aber ganze fünf Jahre in Anspruch nahm: Die Neugestaltung der 78 Tarotkarten, in denen sich das gesamte magische Wissen Crow­leys spie­geln würde.

 

Wie die Korrespondenz zwischen Crowley und Lady Frieda zeigt, hat ihr diese Arbeit viel Freude bereitet. Ihre Liebe für das Detail war so groß, dass sie am liebsten für das Malen jeder Karte 100 Jahre Zeit gehabt hätte. Die im Einleitungstext zu Crowleys »Buch Thoth« von Soror I.W. aufgestellte Behaup­tung, wonach Crowley ihre Arbeit sehr kritisch begutachtet habe und sie manche Karten bis zu acht Mal habe malen lassen, findet sich dort nicht bestätigt. Es scheint viel mehr, dass er ihr zwar eine »Inventarli­ste« gab mit den Symbolen und Motiven einer jeden Karte, ihr aber bei der Gestaltung selbst weitge­hend freie Hand ließ. Abgesehen von den drei Magiern sind uns auch keine Mehrfachdar­stellungen von Karten bekannt. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass eine Künstlerin ein gemal­tes Bild vernichtet oder wegwirft. So dürfen wir ruhig vermuten, dass sich hinter dem Namen Soror I.W. niemand anderer verbirgt als Crowley selbst, der beides zutiefst liebte: Pseudonyme und Übertrei­bun­gen.

 

Wenn Frieda Harris sich auch als Frau gut abzugrenzen ver­stand, ist sie auf einem anderen Gebiet nicht so erfolgreich gewesen. Als die Karten 1944 in einer limitierten Auflage von 200 Exemplaren erschienen, war es Crowley, der das ganze Hono­rar dafür ein­strich. Er hatte das Geld am Ende seines Lebens so sehr nötig, dass er sie anfangs sogar be­drängt hatte, ihn dafür zu bezah­len, dass er sie bei der Ge­staltung der Karten geistig inspi­rierte. So gab es manch heikle finanzielle Aus­einander­setzung zwischen den beiden, zumal auch Frieda Harris nur über recht begrenzte Mittel verfügte, es kam jedoch zu keiner nachhalti­gen Trübung ihrer Freundschaft.

 

Einer Überlieferung zufolge ist Crowley 1947 in ihrer Obhut (andere sagen in ihren Armen) gestorben. Sie hat ihn sehr geschätzt und gehört zu den wenigen Menschen, die - dank ihres Abgrenzungsvermögens - diese Freund­schaft nie bereuen mussten.

 

Nach dem Tode ihres Mannes im Jahre 1952 verbrachte Frieda Harris viele Jahre in Indien. Dort lebte sie in sehr bescheidenen Verhält­nissen von Bildern, Artikeln und Kurzgeschichten, die sie nach Eng­land verkaufte. Sie ist 1962 verhältnismäßig arm gestorben.

 

Die oft erzählte Geschichte, Lady Frieda Harris habe vor Beginn ihrer Arbeit Aleister Crowley das Versprechen abgenommen, während der Zeit, in der sie diese Karten malte, auf jede Form schwar­zer Magie zu verzich­ten, kl

- Wir haben keinerlei Beleg dafür gefunden.

- Jemand, der Crowley gut kannte, dürfte kaum etwas auf ein derartiges Wort von ihm gegeben haben.

- Jeder, der sich etwas tiefer mit den Dingen befasst hat, weiß, dass sich die Grenze zwischen weißer und schwarzer Magie nicht so leicht ziehen lässt, wie es sich der naive Geist gern vorstellt, und der diese Art von Geschichten glauben mag, um sich damit die Angst zu nehmen, mit diesen Karten womöglich etwas ganz Verruchtes in den Händen zu halten.

Sicher dagegen ist, dass Lady Frieda Harris als Künstlerin die alleinige Besitzerin und Inhaberin der Urheberrechte an diesen Karten war (auch wenn Crowley das Honorar vereinnahmt hat). Nach ihrem Tode wurden die Originale und die Rechte von ihren Erben dem Warburg Institute in London vermacht. Richtigerweise müssten die Karten also der Harris-Tarot genannt werden.

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